Rettung des Hönnetals –
Erinnerung an die Schutzaktion 1919/1920                  

Bereits vor dem 1. Weltkrieg war das Hönnetal eine bekannte touristische Region und wurde von Wanderern intensiv besucht.

Zugleich war es in hohem Maße gefährdet: Es waren Pläne bekannt, das Hönnetal vollständig industriell zu verwerten. Nach den Plänen des Eigentümers Rheinisch-Westfälische Kalkwerke sollte es in großen Teilen dem Kalkabbau weichen. Die “Sieben Jungfrauen” sollten abgebaut werden. Unterhalb Klusenstein war mitten im Hönnetal ein weiteres Kalkwerk mit Kalkringöfen geplant, vergleichbar mit Oberrödinghausen – etwa dort, wo die uralte gräfliche Mühle steht. Auch diese wäre den Maßnahmen zum Opfer gefallen.

In den Jahren 1912/1913 regte sich dagegen erster starker Widerstand, von vielen Bürgern getragen und von einer breiten Presseresonanz begleitet. Durch den 1. Weltkrieg wurden sämtliche Aktivitäten unterbrochen. Das Thema war aber gesetzt.

Trotz der schweren Belastungen nach dem verlorenen Krieg wurden die Aktivitäten um das Hönnetal nach 1918 von beiden Seiten wieder aufgenommen und von vielen Bürgern und einer breiten Öffentlichkeit getragen. Die Regierung in Arnsberg strebte die Erhaltung einer “kulissenartigen Felswand” an, die käuflich erworben werden sollte. Seitens der RWK wurden Ultimaten gestellt. Mit einer Entscheidung des Kreistages vom 29. September 1919 wurden 25.000 Mark für den Zweck des Grunderwerbs zur Verfügung gestellt. Dies brachte anscheinend den Wendepunkt. Eine Fläche von insgesamt 23,5 ha musste zu einem Preis von 325.000 Reichsmark gesichert werden. Neben Spendenaufrufen war auch eine Lotterie geplant, die einen großen Teil der benötigten Summe abdecken sollte.

Im Jahr 1920 konnte die Felskulisse grundbuchlich gesichert werden, und war damit “auf alle Zeiten” geschützt. Diese Aktion kann heute als ein frühes Vorbild praktizierten Natur- und Landschaftsschutzes in Deutschland gelten. Ohne die kulturhistorische Großtat der Rettung des Hönnetals vor der Kalkindustrie, wie auch die spätere Verhinderung der geplanten kriegsbedingten Sprengung der Balver Höhle nach dem zweiten Weltkrieg, wäre Tourismus im Balver Land heute kaum möglich.

Zur Erinnerung und dauerhaften Dokumentation wurde bei Klusenstein an der Straße eine Kupfertafel im Fels angebracht, die infolge der Führung der B515 heute schwer zugänglich ist, und zudem sehr verwittert. Wir wollen, dass diese Tafel fachgerecht restauriert wird und haben diesbezüglich einen Antrag im Rahmen des Heimatförderprogramms NRW gestellt. Der Preis für die Restaurierung (an Ort und Stelle!) beträgt ca. 2.000 €.

Die Inschrift im Hönnetal

Der Arnsberger Landrat Dr. Haslinde, selbst ab 1919 führend bei der Rettungsaktion, hat im “Balver Buch” von 1930 einen Rückblick auf die “Schutzaktion” gegeben:

Wenn Jahr für Jahr Tausende das Hönnetal – von Neheim oder Iserlohn, Balve oder Menden aus – durchwandern, und sich an der Romantik dieses Tales, eines der schönsten und eigenartigsten unserer Heimatprovinz, erfreuen, so kündet ihnen eine Gedenktafel an einem mächtigen Felsblock, dem Bahnhof Klusenstein gegenüber, dass es vieler Mühen und Kosten, dass es einer Tat bedurfte, um dieses Tal vor der herandringenden Kalkindustrie zu retten und in seiner Naturschönheit für alle Zeit zu erhalten. 

Schon seit langen Jahren waren die Heimatbehörden auf die dem Hönnetal drohenden Gefahren aufmerksam geworden; auch die Presse hatte mehrfach ihre warnende Stimme erhoben, und es nicht nur als ein Verbrechen an der Natur, sondern als einen Hohn auf den deutschen Heimatschutz bezeichnet, wenn dieses unvergleichlich schöne Tal der Industrie zum Opfer fallen sollte. Diese Gefahr wurde in den Jahren 1912 und 1913 besonders drohend und unmittelbar, als es den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken gelungen war, das gesamte östlich der Hönnetalstraße bis nach Binolen sich hinziehende Gelände mit den mächtigen, bis gegen 100 Meter emporragenden weißgrauen Kalksteinfelsen zu erwerben, um es industriell auszunützen. Mit dem Abbau der das Hönnetal umsäumenden Felspartien wäre die Schönheit des ganzen Tales für alle Zeiten vernichtet gewesen. Das musste, wenn irgend möglich, verhindert werden.

Da war es der damalige Arnsberger Regierungspräsident von Bake, der in Erkenntnis dieser drohenden, unmittelbaren Gefahr eine Konferenz einberief, als deren Ergebnis die einmütige Auffassung zutage trat, dass längs der Hönnestraße, vom Asbecker Weg aufwärts, mindestens eine kulissenartige Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals für alle Zeit stehen bleiben müsste. Die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke erklärten entgegenkommender Weise ihre Zustimmung, wenn Ihnen der Verlust an Steinbruchgelände im Wege des Austausches vollwertig durch Zuweisung anderweitigen abbauwürdigen Kalkgeländes im Anschluss an ihren Betrieb ersetzt werde. Zur Durchführung dieser Vereinbarung sollte eine Schutzaktion zur Erhaltung des Hönnetals in die Wege geleitet werden. Da kam der Krieg über unsere deutschen Lande, und hinderte die weiteren Arbeiten auch auf diesem Gebiete. Aber gleich nach Kriegsende wurde diese Aktion wieder lebendig, und sie wurde von allen Beteiligten trotz der über das Land hereingebrochenen ungeheuren Not und Trübsal mit umso innerer Wärme und freudigerer Tatkraft betrieben, als man gerade in den Kriegsjahren den Wert unserer bedrohten Heimat zu Recht von neuem erkannt hatte, und nun der Heimat aller Not zum Trotz mit doppelten Kräften dienen wollte. Unter Führung des Arnsberger Landrats wurde im Laufe des Jahres 1919 die Schutzaktion zur Erhaltung des Landschaftsbildes im Hönnetal zielbewusst wieder aufgegriffen und nun mit freudiger Unterstützung der Provinz Westfalen, ihrer Städte und Landkreise erfolgreich durchgeführt. Eine Denkschrift wurde in die Lande gesandt, Beihilfen wurden gesammelt, und das Schutzgelände alsdann erworben, vermessen und an den Kreis Arnsberg als Träger der Schutzaktion zu Eigentum übertragen. Mehr als 350.000 Reichsmark wurden zur Durchführung dieses Unternehmens erforderlich. Nachdem die Provinz und die Kreise Arnsberg und Iserlohn, ebenso die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke bereits namhafte Summen vorweg gezeichnet hatten, die auf über 180.000 Reichsmark ausliefen, gelang es bei dem freudigen Widerhall, den diese heimatliche Tat überall im westfälischen Lande fand, auch die übrigen großen Summen durch Beihilfen von Städten und Kreisen, industriellen und sonstigen Privatpersonen hereinzuholen.

Die Schutzaktion umfasste die Strecke von der Asbecker bis zur Eisborner Kreisstraße, in der die besonders schönen Felspartien gelegen sind. Es wurde hier ein Steinbruchgelände von rund 33,5 ha Felspartien von den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken durch Kauf erworben. Dieses Gelände wird allezeit als Naturschutzgebiet unberührt bleiben; es ist auch Vorsorge getroffen, dass das aufstehende Holz – zumeist herrliche Buchen – erhalten bleibt. Durch Verhandlungen mit den Eigentümern der auf der gegenüberliegenden Hönneseite und weiter oberhalb an der Hönne belegenen Steinbruchgelände ist erreicht worden, dass auch hier die das Hönnetal umsäumenden Felspartien nicht von der Industrie in Anspruch genommen werden, sondern für alle Zeit in ihrer Erhabenheit und Schönheit erhalten bleiben.

In der bittersten Not gab freudig das Volk der Westfalen
Für die Schönheit des Tals reich von kargem Besitz,
Rettete stolz die uralten die hochaufragenden Felsen:
Seiner Heimat zum Schutz, selbst sich zum dauernden Ruhm
In den Jahren 1919-1920

Inschrift der Gedenktafel im Hönnetal bei Klusenstein

In dem bekannten von Levin Schücking und Ferdinand Freiliggrath verfassten Werk “das malerische und romantische Westfalen“ heißt es vom Hönnetal: “Es ist eine romantische Wanderschaft; das Tal klemmt sich immer wilder und düsterer endlich zur engen Schlucht zusammen; die schmale Hönne rauscht pfeilschnell unten über kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und Streichwellen über den Fußweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegen stürmen. Hier ist die Fährlichkeit überwunden, eine kühne, kuppge Felswand springt vor uns auf, drüben ragen die Ringmauern und Trümmer einer alten Burg, aus der ein neues Wohnhaus wie ein wohlhäbiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervorlugt, usw.”. 

Dass dieses Tal in seiner ganzen Naturschönheit erhalten werden konnte, und nun auch weiterhin alljährlich tausenden Wanderern zur Erholung und zum Genuss dienen kann, muss alle mit hoher Genugtuung erfüllen, die damals an dieser Schutzaktion mitwirken konnten, muss alle tief erfreuen, die die deutsche Heimat mit allen Fasern ihres Herzens lieben. Wahrlich, diese Schutzaktion war praktische Heimatpflege, war wahrer Dienst an der Heimat! Dass sie in einem der dunkelsten Zeitpunkte deutscher Geschichte durchgeführt werden konnte, macht sie besonders wertvoll.

Nachfolgend eine Dokumentation der Aktion anhand der uns vorliegenden historischen Veröffentlichungen (Quelle: Stadtarchiv Balve).

Zum Schutze des Hönnetals

Westf. Telegraph (Menden) 1913,
Abdruck: Sauerländischer Gebirgsbote

Der “Westf. Telegraph” (Menden) schreibt 1913: Zum Schutze des Hönnetals.

Durch die vielen rastlosen Bemühungen unseres Herrn Bürgermeisters kommt endlich etwas Bewegung in die Hönnetalangelegenheit, da am kommenden Montag derzeitige Vorstand der Westfälischen Kommission für Heimatschutz Herr Dipl.-Ing. Sonnen aus Münster und Herr Baron von Kerkerin-Borg hier eintreffen werden, um unter Führung des Herrn Bürgermeisters Dr. Overhues eine Besichtigung der gefährdeten Teile des Hönnetals vorzunehmen. Wir dürfen wohl mit Recht annehmen, dass diese Herren ihren vollen Einfluss geltend machen, damit der Verheerung Einhalt geboten wird.

Es dürfte unsere Leser gewiss interessieren, dass die Deutschen Zeitschriften für Natur-und Heimatschutz den bedrohten Hönnetal die größte Aufmerksamkeit entgegenbringen und nach Kräften für seine Erhaltung eintreten. Der “Kunstwart” (Dr. F. Avenarius, Dresden-Blasewitz) hat in einer sehr beachtenswerten Notiz, die wir bereits an dieser Stelle veröffentlicht haben, auf das gefährdete Tal hingewiesen.

– Der “Vortrupp“, Halbmonatsschrift für das Deutschtum unserer Zeit (Dr. jur.  Hermann M. Popert, Hamburg und Kapitänleutnant a.D. Hans Paasche, Berlin), brachte es in seinem ersten Juniheft einen mit Begeisterung und  Heimatliebe geschriebenen Artikel der „Westdeutschen Volkszeitung“,  Hagen i. W., unter dem Titel: „Ein Wort für das der Zerstörung geweihte Hönnetal“.

– Aus einigen Zuschriften gestatten wir uns einige bemerkenswerte Sätze wiederzugeben: „Deutschland“, Zeitschrift zur Pflege von Heimatkunde und Heimatliebe (Verlagsanstalt, Düsseldorf), schreibt: „betrachte es selbst verständlich als unsere vornehmsten Aufgabe und Pflicht, die deutsche Heimat zu schützen, wo immer es  gefordert wird, haben auch noch in der Sauerland-Nummer unserem Bedauern Ausdruck gegeben, dass die Schönheit des Hönnetals durch die Kalkindustrie mehr und mehr zerstört wird… Sie können unsere Hilfe  versichert sein. Nur bitten wir, uns über die Angelegenheit auf dem Laufenden halten zu wollen…”.

– Der “Kosmos“, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart (Mitgliederzahl 106.000), schreibt: “Wir verkennen nicht die Notwendigkeit, dass das bedrohte Tal geschützt werden  muss und dass die Bestrebung von modern fortschrittlich denkender Vereinigung unterstützt werden muss. Leider zwingt uns unsere Riesenauflage, mit dem Druck der “Kosmos“-Hefte schon 1-2 Monate vorher zu beginnen, und wir können ihren Aufruf er später in unseren Leser kreis lancieren. Nun gibt aber unser Verlag, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, eine von hunderten von Zeitungen mit Vorliebe benutzte Korrespondenz heraus, und wir haben die Schriftleitung gebeten, den Aufruf in gekürzter Form in einer der nächsten Nummern veröffentlichen zu wollen. Ihre Bestrebungen werden dadurch bei Hunderttausenden bekannt. Der Erfolg dürfte also dort noch größer sein als in unserem “Kosmos”- Handweiser.

– Die “Natur“ (Dr. Friedrich Knauer, Wien) schreibt: „Ich bestätige den Empfang Ihres genannten Schreibens vom 23. desselben mit den beiden Anlagen für die “Naturschutzrubrik” der “Natur“. Da die Rubrik für Nr. 21 sich schon im Satz befindet, werde ich den Artikel über das „Hönnetal“ für Nr. 23 in Vorschlag bringen. Ich werde aber schon früher in anderen von mir begründeten Naturschutzrubriken, so in „Natur und Kultur“, Monatsschrift für naturwissenschaftlichen Unterricht, in Ihrem Sinne auf die dringliche Schützung des Naturdenkmals hinweisen. Jederzeit gerne bereit, für die verschiedentlichen Desideria der Naturschutzsache nach Kräften einzutreten, bitte ich auch in Zukunft um einschlägige Mitteilungen”.

– “Aus der Natur“, Zeitschrift für den naturwissenschaftlichen und ihr erdkundlichen Unterricht (Prof. Dr.  Schönichen, Friedeman bei Berlin), will durch einen illustrierten Artikel für den Schutz des Hönnetals eintreten.

– Ebenso will „unsere Welt“, Godesberg, zur besseren Wirksamkeit unseren Aufruf verbreiten.

Wir erwähnen noch den “Sauerländischen Gebirgsführer” und „Niedersachsen“ (Hans Pfeiffer Bremen) die unseren Aufruf bereits veröffentlicht haben. 

Im Interesse der deutschen Heimatschutzbewegung halten wir es für überaus wichtig, dass Zeitschriften, die in der Bewegung eine führende Rolle einnehmen und in die weitesten Kreise dringen, auf die Gesuche hinweisen. Nur dann kommen wir auf einem Gebiet, auf dem allgemein noch recht viel Unkenntnis und Gleichgültigkeit herrscht, ein Stück weiter. Es ist eine traurige, eine wahrhaft beängstigende Tatsache, dass wir trotz all der blendenden Errungenschaften unserer Zivilisation innerlich ärmer werden, dass die Menschheit von heute, die in gewaltigem Maße Erde, Luft und Wasser zu beherrschen, alle Naturkräfte sich dienstbar zu machen und die Schätze der Erde in raffinierter Weise auszubeuten versteht, diejenigen Werke mehr und mehr verkümmern lässt, die dem Menschen seine Hoheit und Würde geben: Die Kräfte des ????? der Natur ist und war um des Nutzens willen da, und alles, was der “fortschreitenden Kultur“ im Wege zu sein scheint, muss untergehen. Den Boden der Heimat schätzt man nur als Objekt der Spekulation, den Wald, weil er Holz liefert, Felder und Wiesen um ihre Erträge, das Vieh um seines Fleischwertes willen. Die Liebe zur Natur und die Achtung vor ihren Wunderwerken ist dem heutigen Geschlecht abhandengekommen. Der „Dürer-Bund“ klagt in einer seiner letzten Ausgaben zur Ausdruckskultur: “Die Naturschönheit unserer Lande ist in der Abnahme begriffen, und der Gedanke dass es so weitergehen kann, erweckt ein beängstigendes Gefühl. Die Machtlosigkeit gegenüber einer derart planierenden, alles gleichmachenden Kultur schreit laut nach Hilfe“. Der Verlust ist groß und trifft nicht nur den Naturfreund, nein, er dringt bis in die Wurzeln der Volkskraft. Eine Verödung der Natur bringt eine Verödung der Volksseele, eine Schwächung der Volkskraft mit sich. Darum muss jeder, der seinem Volk ein langes Leben wünscht, daraufhin erwarten, dass die Landschaft in all ihren großen und kleinen Reizen erhalten bleibt.“ „Wir haben ein Recht, die Welt schön zu erhalten”. Es handelt sich hier wirklich um eine wichtige Kulturforderung, die nicht nur auf die Erhaltung der Natur und ihrer Schönheit, sondern zugleich auf die Verfeinerung des menschlichen Herzens gerichtet ist, um eine Betätigung, die Frieden, Gesittung und Liebe auf Erden verbindet, um Achtung vor der Heiligkeit der Natur. 

Wenn wir unser Volk lehren, aus der Natur Freude und Belehrung zu schaffen, so machen wir ihm die Heimat lieb. Heimatliebe und Vaterlandsliebe aber sind das beste Fundament für das Gedeihen und die Kraft eines Volkes. Wir brauchen Ideale für unser Volk. Wohlan, so geben wir sie ihm, geben wir ihm die Natur. Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit, und wenn wir hierin den anderen Völkern ein Muster sein wollen, so muss das ganze Volk mit arbeiten, und soll die Kultur ihrer Aufgabe ganz erfüllen, dann muss sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurch gedrungen sein.” (Wilhelm II, Juni 1898). 

Wer sich ernsthaft und anhaltend mit den Fragen des Naturschutzes beschäftigt hat, dem ist es nicht schwer, zu sagen, was alles geschehen müsste. Wir brauchen vor allem strenge gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Natur. Unsere gesetzgebenden Körperschaften und Behörden sollten sich endlich einmal aufraffen und zeigen, dass sie wirklich der Natur Verwüstung Einhalt tun wollen. Die deutsche Reichsregierung sollte ihren mächtigen Einfluss aufbieten, um der Zerstörung und Vernichtung von Heimatschönheit entgegenzutreten. Als Friedrich der Große einst Wildnis und sumpfige Landstriche in fruchtbare Landschaft verwandelte und so gleichsam neue Heimatschönheit schuf, sagte er mit berechtigten Stolz: “Mitten im Frieden eine Provinz erobert!“. Wenn man heute sieht, wie Heimatschönheit auf Heimatschönheit hingeht, möchte man wohl mit Recht klagen: “Mitten im Frieden eine Provinz verloren!“ 

Ein „Naturdenkmal aller ersten Ranges“ ist auch unser Hönnetal. Wer das Glück hatte, die deutschen Lande durchwandern zu können, wird uns darin zustimmen müssen. In Westfalen nimmt das Hönnetal unstreitig den ersten Platz ein. Wir wüssten wenigstens in unserer Provinz kein Stückchen Erde, das so hervorragend geeignet wäre, Ehrfurcht vor den Naturwundern und Liebe zur Heimat zu erwecken. Darum raffe dich auf, “Land zwischen Rhein und Weserstrand”, und schütze dein kostbarstes Kleinod. Die Stadt Menden hat bereits Einspruch erhoben, und es wäre zu wünschen, wenn noch recht viele Städte mit ihrem Protest gegen diesen “Kulturskandal” folgten. Auch der sauerländische Gebirgsverein mit seinen über 16.000 Mitgliedern wäre ganz besonders berufen, durch eine umfangreiche Agitation für das bedrohte Tal einzutreten. Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist, und jeder hat die Pflicht, mitzuhelfen. Wenn uns nicht der Fluch der Nachwelt treffen soll, müssen wir diese Schande von uns abwenden. Nichts wirkt hier vaterlandsfeindlicher als unterdrückte Kritik, handelt es sich doch nicht um die Wünsche einzelner, sondern um eine nationale Tat.  

Denkschrift betreffend Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetales.

Sauerländischer Gebirgsbote 1919
(Hervorhebungen im Original)

Arnsberg, den 25. Dezember 1919:
Denkschrift betreffend der Schutzaktion zur Erhaltung des Hönnetals. Von Landrat Dr. Haslinde.

Das südliche Gebirgsdreieck Westfalens wird durchflossen von der Ruhr mit ihren Nebenflüssen. Die reizvollen Flusstäler zwischen den hohen Bergen machen die Schönheit des Sauerlandes aus.   

Fröndenberg gegenüber mündet die Hönne in die Ruhr. Folgt man ihrem Lauf aufwärts auf der mit ihr gleichlaufenden Hönnetalstraße, so gelangt man über Menden, Lendringsen zu der alten verfallenen Burg Klusenstein und dann weiter über Binolen, Volkringhausen Sanssouci, Balve nach Neuenrade, in dessen Nähe das Flüsschen entspringt. In seinem mittleren Lauf, und zwar besonders von der Abzweigung der Asbecker Kreisstraße etwa bis Binolen, bildet es mit seinen, es eng einschließenden, hohen Kalkfelswänden eines der schönsten und eigenartigsten Täler unserer Heimatprovinz, ein Bodetal im Kleinen, das sich wie kein anderes Tal in Westfalen durch seine Romantik auszeichnet.   

Wohl fast jedem Westfalen ist das Hönnetal, wenn nicht aus eigener Anschauung, so doch zumindest vom Hörensagen bekannt und ans Herz gewachsen.   


Nicht wundernehmen kann es deshalb, wenn allsommerlich große Scharen von Wanderern das Tal durchziehen, um sich an seiner Schönheit zu erfreuen. Die vor einigen Jahren durch das Tal neu angelegte Eisenbahnstrecke Menden-Neuenrade hat diesen Fremdenzuzug noch erhöht und dabei der Schönheit des Landschaftsbildes glücklicherweise nur wenig Abbruch getan. Nun haben aber die hohen, steilen Felswände die Kalkindustrie in das Tal gelockt, die sich dort im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte immer mehr ausgebreitet hat und das ganze Tal in ein böses Steinbruchgelände zu verwandeln droht. Die Schönheit des Tales mit seinem prächtigen geologischen Aufbau – den riesigen Steingebilden von der wunderlichsten Gestalt und Anordnung -, „seiner reichen botanischen Aufstellung und seinem eigenartigen Besitzer so vieler Denkmäler der Natur und frühester menschlicher Kultur“ (S.H. Schmedding: Burgen und Höhlen im Hönnetal) ist in ernsteste Gefahr gebracht, ja, ein Teil des Tales hat schon bedenklich gelitten.  
F.J. Pieler sagt von dem Teile der Hönne, diesem “herrlichen Stückchen von Gottes Welt“, dass es “noch immer zweifellos das schönste und eigenartigste Tal des Sauerlandes und der ganzen Provinz Westfalen” sei, und in den bekannten, von Lewin Schücking und Ferd. Freiligrath verfassten Werk “Das malerische und romantische Westfalen“ heißt es mit Bezug auf das Hönnetal: “Es ist eine romantische Wanderschaft; das Tal klemmt sich immer wilder und düsterer endlich zur engen Schlucht zusammen; die schmale Hönne rauscht pfeilschnell unten über kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und Streichwellen über den Fußweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegenstürmen. Hier ist die Fährlichkeit überwunden, eine kühne kuppige Felswand springt vor uns auf, drüber ragen die Ringmauern und Trümmer einer alten Burg, aus der einen neues Wohnhaus wie ein wohlhäbiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervor lugt, usw.”  

Es wurden dieserhalb im Frühjahr 1913 Zeitungsstimmen laut (“Westfälischer Telegraf”, “Westfälische Volkszeitung”, “Kunstwart”), die hierüber lebhafte Klage erhoben und es unter anderen nicht nur als ein „Verbrechen an der Natur“, sondern als einen “Hohn auf den deutschen Heimatschutz“ bezeichneten, wenn das Hönnetal der Industrie zum Opfer fallen sollte. Es wurde dabei auf die zur Erhaltung des Siebengebirges durchgeführte Schutzaktion hingewiesen. 

Geraume Zeit vorher sind aber auch schon die örtlichen Behörden und die Regierung zu Arnsberg auf die der Schönheit des Tales drohende Gefahr aufmerksam geworden und haben, soweit es in ihren Kräften stand, durch Verwaltungsmaßnahmen und glückliche Einwirkungen dem Unheil zu steuern gesucht.  

Die größte auf diesem Wege nicht zu behebende Gefahr droht aber gerade jetzt dem schönsten Teile des Tales von einem bei der Abzweigung der Asbecker Kreisstraße in Betrieb genommenen Steinbruch der rheinisch-westfälischen Kalkwerke zu Dornap. Dieser Gesellschaft ist es gelungen, das gesamte östlich der Hönnetal Straße bis nach Binolen sich hinziehende Gelände mit den mächtigen, bis gegen 100 Meter emporragenden, weißgrauen Kalksteinfelsen zu erwerben, um es industriell auszunutzen. Mit dem Abbau der das Hönnetal umschäumenden Felspartien wäre aber die Schönheit des ganzen Tales für alle Zeit vernichtet! Das muss, wenn möglich, verhindert werden.  

Gelegentlich einer Bereisung des Hönnetales veranlasste zunächst im Mai 1913 der damalige Regierungspräsident von Arnsberg, Herr v. Bake, die rheinisch-westfälischen Kalkwerke, bis zur endgültigen Regelung eine kulissenartig, den Steinbruchbetrieb verdeckende Felswand gegen die Hönnetal Straße entstehen zu lassen und rief dann im August desselben Jahres die Vertreter der Kalkwerke und der interessierten Behörden zu einer Besprechung dieser Angelegenheit in das Hönnetal.  

Bei dieser Besprechung wurden sich alle Anwesenden darüber einig, dass in der Form Herrn Regierungspräsidenten angeregten Weise vom Asbecker Wege längst der Hönnestraße aufwärts eine kulissenartige Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetales für alle Zeiten stehen bleiben müsse. Die Vertreter der rheinisch-westfälischen Kalkwerke erklären hierzu, dass ihre Gesellschaft wohl im Interesse der Sache die hierdurch verursachte Erschwerung des Abbaus in Kauf nehmen wolle, wenn ihr der Verlust an Stein- bruchgelände im Wege des Austausches vollwertig durch Zuweisung anderweitigen abbauwürdigen Kalkgeländes im Anschluss an ihren Betrieb ersetzt werde.   

Zur Erwerbung der Ersatzflächen und zur Beschaffung der erforderlichen Geldmittel gewährten sie eine dreijährige Frist, während welcher Zeit sie die fraglichen Felspartien mit dem Steinbruchabbau verschonen wollten.  

Es wurde beschlossen, die zur Durchführung dieser Vereinbarung erforderlichen Ermittelungen vornehmen zu lassen und somit eine Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Landschaftsbildes im Hönnetal in die Wege zu leiten, deren weitere Bearbeitung der Landrat des Kreises übernahm, in dessen Kreise die infrage kommenden Flächen gelegen sind. Der Kreis Arnsberg wurde als Träger des Unternehmens vorgesehen. Das Ergebnis dieser Bearbeitung war folgendes:  

Die Schutzaktion soll sich auf die Strecke von der Asbecker bis Eisborner Kreisstraße erstrecken, in der die besonders schönen Felspartien gelegen sind; es kommt eine kulissenartige Felswand für eine etwa 700 m lange Strecke, an der Asbecker Straße anfangend, in Frage. Die Begrenzung der Kulisse wird sachgemäß erwogen, wobei auch Forstsachverständige wegen Erhaltung des auf der Kulisse stehenden Holzbestandes gehört werden. Es ergibt sich dann, dass rund 28,5 ha Felspartien (Steinbruchgelände) von den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken durch Tausch erworben werden müssen. Zu diesem Tausch geeignetes und den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken erwünschtes Gelände findet sich südlich der Asbecker Kreis- Straße im Anschluss an den Besitz der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke, und es gelingt auch, den größten Teil der erforderlichen Ersatzflächen vertraglich sicherzustellen.   

Gleichzeitig wurde der damalige Herr Oberpräsident der Provinz Westfalen von dem Herrn Regierungspräsidenten in Arnsberg für die Schutzaktion interessiert und um die Bewilligung einer Geldlotterie zur Aufbringung der erforderlichen Geldmittel gebeten.   Leider wurde die Durchführung des Unternehmens durch den Krieg gestört. Die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke verlängerten zwar entgegenkommender Weise im Jahr 1916 die von ihnen gewährte dreijährige Frist um weitere drei Jahre, also bis 1919. Im Sommer dieses Jahres wollten sie sich aber nicht mehr länger gedulden und erklärten, aus betriebstechnischen Gründen mit dem Abbau der stehen gelassenen Felskulisse sogleich beginnen zu müssen, falls jetzt nicht das Unternehmen zur baldigen Durchführung gelange. Herr Regierungspräsident v. Bake veranlasste deshalb im August dieses Jahres eine nochmalige Zusammenkunft der Beteiligten im Hönnetal, bei der die Wiederaufnahme und möglichst beschleunigte Durchführung derSchutzaktion geschlossen wurde. Bezüglich Aufbringung der Geldmittel hoffte man wie  früher auf die Bewilligung einer Lotterie und auf namhafte Zuschüsse seitens des Kreises Arnsberg, der benachbarten Kreise und Kommunen, aber auch des Staats, der Provinz und sämtlichen übrigen Städte und Kreise der Heimatprovinz.  

Dementsprechend erklärte dann der Kreisausschuss des Kreises Arnsberg, dass es, ebenso wie früher, auch unter den heutigen Verhältnissen unbedingt Pflicht aller in Betracht kommenden Kreise sein müsse, nichts unversucht zu lassen, um der eingeleiteten Aktion zum Schulze eines der schönsten Täler unserer Heimatprovinz zu einem baldigen erfolgen zu verhelfen und trat dafür ein, dass für diesen Zweck seitens des Kreises nötigenfalls eine Summe bis zu 25.000 Mark zur Verfügung gestellt werde. Diesem Beschluss stimmte der Kreistag in seiner Sitzung vom 29 September 1919 zu.  

Die wieder aufgenommenen Arbeiten der Schutzaktion sind nun soweit gefördert, dass der Erwerb des ganzen zum Austausch mit den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken benötigten Geländes in Größe von 23,5 ha gesichert ist. Es ist hierzu ein Betrag von etwa 350.000 Mark erforderlich. Wenn nun der Kreis Arnsberg, in dessen Bereich, wenn auch an äußerster Kreisgrenze, die infrage kommenden Felspartien liegen, sich zur Beisteuerung einer namhaften Summe zur Durchführung dieses Unternehmens verpflichtet hat, darf wohl der Hoffnung Raum gegeben werden, dass auch die übrigen Kreise und Städte unserer Heimatprovinz, vornehmlich die Provinzialverwaltung selbst, durch erhebliche Zuschüsse das Gelingen des unternehmens finanziell sichern werden.  

Ein großer Teil der benötigten Summe dürfte allerdings wohl durch die Erträge einer  Lotterie gedeckt werden müssen.  

Dem Einwande, dass die gegenwärtigen Zeitverhältnisse, insonderheit die Finanzlage unser Gemeinwesen, wohl wenig geeignet seien zur Durchführung eines derart idealen unter- nehmens, muss damit begegnet werden, dass jetzt oder nie die Zeit ist, in der das Hönnetal noch vor der Zerstörung gerettet werden kann, weil die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke mit dem völligen Abbruch der Verhandlungen und dem Abbau der Felskulisse drohen, wenn das Unternehmen nicht bis zum 1. April 1920 in seinen wesentlichen Punkten  zur Durchführung gelangt ist.   

Die nachkommenden Geschlechter werden mit Dank und Bewunderung ihrer Väter und Vorfahren gedenken, die nach dem großen nationalen Unglück,  in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Not durch eine solch edle Tat ihre heiße Liebe zur Heimat bezeugt haben.  

                                                                                Landrat Dr. Haslinde    


Planung Hönnetalschutzweg 1933/34

1933 wurde aufgrund des zunehmenden Kraftverkehrs im Hönnetal ein Fußweg entlang der Hönne geplant, nachdem es erneut zu Ansprüchen der Kalkindustrie gekommen war, die im Interesse der Erhaltung des Hönnetals abgewehrt werden mussten (Beckumer Schule etc.). Die Bezeichnung “Hönnetalschutzweg” ist missverständlich. Sie meint nicht den Schutz des Hönnetals, sondern den Schutz der Fußgänger vor dem zunehmenden Autoverkehr. Vermutlich war es bereits zu schwerwiegenden Unfällen gekommen.

Vom “Hönnetalschutzweg” ist heute kein Schutz mehr zu erwarten. Im Gegenteil: Ausgetreten, extrem rutschig, von umgefallenen Bäumen versperrt ist er selbst zu einer erheblichen Gefahrenquelle für Fußgänger geworden. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Führungen wurden bereits abgesagt (siehe hier).

Der Fußweg führte von Sanssouci über Volkringhausen linksseitig der Hönne und überquerte in Binolen auf Höhe der Reckenhöhle die Hönne. Von dort führte er hinter Haus Recke steil aufwärts und weiter entlang der Felskulisse bis zum Abzweig nach Eisborn, mit wunderschönen Ausblicken in das Tal, zu den sieben Jungfrauen und der Burg Klusenstein. Dieser Blickwinkel war in vielen Stichen des 19. Jahrhunderts dargestellt und verkörperte das Bild des “romantischen” Hönnetals.

In einem Schreiben des Kreisausschusses des Kreises Arnsberg vom 04. Mai 1934 an den SGV heißt es: “Der Ausbau des Hönnetalfußweges ist … fast fertiggestellt. Die bei der Reckenhöhle über die Hönne anzulegende Holz-Fußgängerbrücke wird in der nächsten Woche errichtet. Die Arbeiten werden als Notstandsmaßnahme durchgeführt. … Schon jetzt ist festzustellen, dass der im Bau befindliche Fußgängerweg ein besonders schöner Wanderweg werden wird, so dass für die Fußgänger des Hönnetales dadurch vollwertiger Ersatz für die vom Kraftwagenverkehr in Anspruch genommene Hönnetalstraße gegeben wird”.

Bei der Eröffnungsfeier 1934 im Haus Recke berichtete die Zeitung: “Im Restaurant zur Reckenhöhle hatte der SGV für einen festlich geschmückten Kaffeetisch im Freien mit selbstgebackenen Bauernstuten, Eiserkuchen und den sonstigen Spezialitäten des Hauses gesorgt. Herr Dr. Schneider hieß die Gäste herzlich willkommen. Er betonte, dass durch die Aufhebung der Autosperre im Hönnetal ein solcher Wandererschutzweg unbedingt nötig geworden sei. Nachdem er dieses schöne Fleckchen der Industrie entrissen habe, sei es Pflicht gewesen, es im Interesse der vielen Besucher des romantischen Hönnetals auch den Automobilen zu entwinden. Indem er die Hoffnung aussprach, dass in Zukunft noch viele solcher Wege geschaffen würden, übergab er ihn der Öffentlichkeit. Frisch auf!”